Tario Rubio

Alle sind ein wenig benommen, als wir die Fossar de la Pedrera erreichen. Der Weg zum Steinbruch an der Spitze des Berges Montjuïc führt durch den Cementiri de Montjuïc. Oben angekommen, erwartet uns der Spanienkämpfer Tario Rubio.Es handelt sich hierbei um einen Friedhof, der es mit seinem Eindruck nicht nur mit dem französischen Père Lachaise aufnehmen kann, sondern mich auch ein wenig an den Fotografen F.C. Gundlach erinnert. Dieser beklagt seit Jahren die verkümmernde deutsche Friedhofskultur und hat sich konsequenterweise, schon jetzt, zu Lebzeiten, sein eigenes Mausoleum mit seinem erfolgreichsten Bild darauf in Hamburg errichten ließ. Hier fahren wir nun vorbei an in die Felsmauern am Wegrand eingelassenen Grabnischen, geschmückt mit zierlichen, geweißten Fresken und Kunstblumen. Grabstelen, Engel- und Marienfiguren säumen die abschüssige Straßenseite und hinter r Serpentine versteckt sich eine neue kleine Mausoläenstadt. Um so geschmackloser der Kontrast an der Spitze des Montjuïc.

Am ehemaligen Steinbruch, der Fossar de la Pedrera, erwartet uns der über 90 jährige Tario Rubio und erklärt uns, wie aus diesem Ort ein Massengrab unfassbaren Ausmaßes wurde. Während des spanischen Bürgerkrieges kämpfte Rubio an der Front gegen die Armee  Francos und wurde in verschiedene Arbeitslager interniert. Da es unter Franco so viele Gefangene gab, half die Kirche mit ihren Einrichtungen aus – in eines dieser zweckentfremdeten Convente bei Burgos musste auch Rubio. „Als Katalanen wurden wir zum Reinigungsdienst eingeteilt. Wenn wir unser Essen holten, mussten wir den Gruß Francos ausführen. Essen nachholen durften nur die anderen.“

Wenn Tario spricht, macht er manchmal lange Pausen, sucht nach Jahreszahlen, bricht im Satz ab. Bei der Begrüßung hatte er noch die Gewöhnung betont, mit der er Besuchergruppen diesen Ort zeigt. Für ihn ist das zur Normalität geworden, sagt er. Dass ihn die Erinnerung hingegen regelmäßig einholt, wird uns klar, als er von den vielen Menschen erzählt, die sie hier von den Felsen hinabstürzten. Politische Morde dieser Art reichten bis weit in die Nachkriegszeit hinein. Fünf Menschen habe Franco noch kurz vor seinem Tod 1975 hinrichten lassen.

Ich möchte von Tario wissen, wie er den Aufarbeitungsprozess Spaniens mit seiner Geschichte wahrnimmt. Darauf schüttelt er nur den Kopf. „Sie legen uns eher Steine in den Weg.“ Für ihn ist die aktuelle Regierung, die Partido Popular, rein franquistisch. „Die haben die ganzen Morde des Franquismus noch immer nicht verurteilt.“ Eine Veränderung habe es nicht gegeben. Nach wie vor werde die Freiheit des Einzelnen durch Zensur beschränkt. Rubio hat begonnen, Bücher über die Geschichte zu schreiben – aber diese zu publizieren sei noch immer problematisch. Über 40 Jahre hinweg hat niemand über den Franquismus gesprochen. Ein Grund, weshalb über die Zeit des spanischen Bürgerkrieges auch unter Studenten ein großes Unwissen herrsche. „Wir sind im Faschismus…“ murmelt er.

Ein weiteres Arbeitslager, das Rubio erleben musste, befand sich im „Valle de los Caídos“. Das sogenannte „Tal der Gefallenen“ hatte sich Franco noch zu Lebzeiten als Mausoleum errichten lassen. Heute ist es eines der bedeutendsten Monumente der Franco-Diktatur und wird als Pilgerstätte seiner Anhänger genutzt. Einen Abriss lehnt Rubio ab. Mit der Zerstörung dieser Symbole zerstöre man auch die Geschichte, sagt er, das dürfe nicht passieren, ob es uns gefalle oder nicht. „Stell dir vor, man hätte die Pyramiden von Gizeh abgerissen, woher wolltest du dann wissen, dass es sie gab?“

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2 Antworten zu “Tario Rubio

  1. hach wie schön. ich hoffe ich schaff es da auch mal hin bei zeiten.

  2. Gut das es solche Zeitzeugen überhaupt noch gibt.

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