Der „Jahrhundertschritt“ vor der Tür

Als ich am Montag morgen auf dem Weg zur Arbeit über den Innenof des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zur Arbeit lief, stellte sich mir unerwartet eine etwa fünf Meter hohe Bronzestatue in den Weg – die linke Hand zur Faust geballt, die rechte zum Hitlergruß erhoben. „Der Jahrhundertschritt“ des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer weckt ein unbehagliches Gefühl. Nicht nur, weil der lang ausgestreckte Arm weit über den idyllischen Innenhof ragt, sondern auch weil die Statue mit dem viel zu kleinen, im eigenen Brustkorb versinkenden Kopf zwei diktatorische Regime sinnbildlich in sich vereint. Meine erste Reaktion war dementsprechend: Getreu der Totalitarismus-Polemik empfand ich die Skulptur als Symbol der Gleichsetzung von zwei ideologisch entgegengesetzten Systemen und als Verharmlosung des Nationalsozialismus. Kurz: einfach fehlplaziert. Auch der kleine, immer gut besuchte Kinderspielplatz neben der Plastik änderte an meinem Dilemma wenig.

Und doch. Da mein Arbeitsplatzfenster das Kunstwerk sprichwörtlich einrahmt, war ich gezwungen, es länger zu begrübeln und den einen oder anderen Text darüber zu lesen. Mein vorläufiges Ergebnis: Hier schreitet niemand voran und preist die angebliche Wesensgleichheit von Nationalsozialismus und Kommunismus. Hier versinkt eine kaum noch als menschliches Wesen zu erkennende Gestalt in sich selbst und scheint unter der last der Symbolik eher einzuknicken als voranzuschreiten. Während der nackte rechte Fuß schon wieder nach vorn schnellt, schleift der linke im blutverschmierten Stiefel hinterher und zieht die ganze Figur zu Boden.

Mattheuer kämpfte als Soldat im zweiten Weltkrieg. Er trat als Sozialist in die SED ein und kurz vor dem Mauerfall, abgestoßen von ihrer korrupten und freiheitsbeschneidenden Linie, wieder aus. Die neue Alternative für die Gestaltung einer besseren Zukunft wurden für ihn die Leipziger Montagsdemonstrationen. Da Kunst ohne die Biographie des Künstlers nicht auskommt, verstehe ich Mattheuers „Jahrhundertschritt“ als Kritik an der menschlichen Schwerfälligkeit in Sachen politische Entscheidungsfindung. Er fragt nach unserer Verantwortlichkeit am Verlauf der Geschichte und präsentiert zugleich seine pessimistische Antwort: nämlich die Zweifel, dazu überhaupt im Stande zu sein. Als DDR-Staatsbürger und SED-Mitglied hat er erlebt, wie sich unter dem Namen einer zutiefst humanistischen Überzeugung ein repressives Regime herausbildete, dessen Symbol es nun neben dem des Nationalsozialismus aushalten muss. Ich denke, der „Jahrhundertschritt“ sagt uns nicht, der Kommunismus sei so schlimm wie der Faschismus, aber er hat mich auf unangenehme Art und Weise dazu gebracht, meine eigenen politischen Ideen und Überzeugungen ein weiteres mal zu hinterfragen. Unangenehm deshalb, weil sich mein Arbeitsplatz am Zentrum für Zeithistorische Forschung befindet – einem Forschungsinstitut also, das sich im Zuge der deutschen Wiedervereinigung und zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte gründete. Auf den ersten Blick wirkt die Figur somit wie ein Bekenntnis zu ungewollten Forschungsergebnissen. Verantwortlich für die Platzierung der Figur ist übrigens Potsdams Kunstmäzen Hasso Plattner. Sie wird dort bleiben, bis seine persönliche Kunsthalle fertig ist.

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2 Antworten zu “Der „Jahrhundertschritt“ vor der Tür

  1. Hallo Jenny,
    schon nach unserer Diskussion in Frankreich ist mir dieses Thema öfters mal durch den Kopf gegangen. Dieser Beitrag verantlasst mich meine Meinung dir mitzuteilen:
    Ich finde dieses Kunstwerk sehr sehr wichtig und bin auch der Meinung, dass da seinen richtigen Platz gefunden hat! Ich denke, dass wir mit diesen Perioden der Geschichte leben müssen. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, sondern entsprechend klug aufarbeiten. Dies ist ein Teil davon!
    Die Kinder im nebenstehenden Spielplatz sehen dieses Kunstwerk und wenn sie vielleicht im entsprechenden Alter sind, fangen sie sich mit diesem Kunstwerk auseianderzusetzen-auch dies ist ein Teil von Aufarbeitung. Auch finde ich gut, dass er diese Systeme so gleich setzt, um damit die „scheinbare“ Gleichheit der Systeme darzustellen, um gleichzeitig zu fragen: „Hey, ist das wirklich so?“ und in Wirklichkeit viele feststellen werden: „Nein, sie waren es nicht!“. Denn meinst du wirklich die Aufarbeitung beider Diktaturen und beider Zeiten ist in vollem Maße im Gang bzw. vollendet? Ich glaube, die Antwort dazu ist ein simples Nein: erstens, weil die Aufarbeitung-auch unter dem Gesichtspunkt der immer weiteren Extremisierung der Gesellschaft-nie genug sein kann und zweitens, weil diese beiden Zeiten viel zu wenig Thema in unserer Gesellschaft sind!
    Wenn ich mir das Verhältniss der beiden Arme und des emporkommende Körpers angucke, will er eine große Kritik üben. Anscheinend sind wir zu schwach, um diese Geschichte, unsere Geschichte, aufzuarbeiten oder tun wir dazu zu wenig? Vielleicht ist dieser kleine Körper auch zu schwach für die Systeme und der Körper bildet einen Arm wieder aus?
    Wenn ich in Ruhe über das Kunstwerk, die Systeme, die Zeiten, welche ich nur erahnen kann und die Gegenwart nach denke und ein Zwischenergebnis formulieren müsste, würde der Spruch „Ad astra per aspera“(Auf rauen Wegen zu den Sternen) gute Parallelen zu unserer Vergangenheit, aber auch zu unserer Zukunft, ziehen:
    Diese Zukunft kann nur durch die Hilfe Aller oder Vieler wieder erstarken und nicht nur durch das Machtsoiel Einzelner wieder erblühen.Diese Zukunft sollte mit solidarischen, gerechten und chancengleichen Werten definiert sein. Diese Zukunft sollte alles in allem ein schöner, aber auch ein progressiver Lebensraum für alle sein, welcher besonders die Geschichte mit bedenkt!

  2. Diesen nachdenklichen Kommentar kann ich nur beistimmen und loben, er regt zu weiterem Denken und zu Auseinandersetzungen mit unserer Vergan genheit an .Es wird heut in Unkenntnis gerade von der jüngeren Generation zu schnell verurteilt ohne große Sachkunde- Danke der Verfasserin– Gruß Roswitha

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