Nachruf: Eric Hobsbawm

Es gibt zwei Arten von Vorbildern. Die persönlichen und die fachlichen. Persönliche Vorbilder sehen vielleicht so aus, wie man gerne aussehen möchte oder sie tun Dinge, die man auch gern tun würde. Aber hauptsächlich sind die persönlichen Vorbilder solche, die Wesenszüge haben und Einstellungen vertreten, die man selbst hat und vertritt – aber noch nicht so gut und nicht so gefestigt. Deshalb bleibt das Vorbild ein Vorbild. Ein Abbild. Die Personifizierung der eigenen Lieblingseigenschaft und Lieblingseinstellung.

Dann gibt es noch das fachliche Vorbild. Das fachliche Vorbild übt die gleiche Profession aus – forscht in der selben Disziplin oder im selben Themenfeld, wie man selbst – nur viel besser, viel gefestigter. Deshalb bleibt es ein Vorbild. Ein Abbild dessen, was man selbst gern einmal erreichen möchte.

Für mich war Eric Hobsbawm beides. Er war Zeithistoriker, Internationalist und der Marxistischen Gesellschaftsordnung mit kritischer Distanz verbunden. Blickt man in sein langes Leben, so verwundert nicht eine dieser Eigenschaften.

Eric Hobsbawm wurde als Sohn eines englischen Kolonialbeamten und einer österreichischen Kaufmannstochter in Alexandria geboren. Die Skepsis gegenüber Nationen wurde ihm somit sprichwörtlich in die Wiege gelegt. Er war ein Kosmopolit. Er wuchs in Wien auf und politisierte sich im zarten Alter von 15 Jahren in den von Gewerkschaftsprotesten geschüttelten Straßen der Berliner Vorkriegszeit. Bis ins hohe Alter schwärmte er von diesen zwei Jahren in Berlin, als ihm in der Kellerbibliothek eines gut-situierten Gymnasiums die Werke von Karl Marx und auf dem Schulweg die letzten Proteste gegen den Industriekapitalismus und die Nationalsozialisten begegneten.

Hobsbawms wissenschaftliche Karriere begann in England. Seine Forschungen zum Phänomen „Nationalismus“, das sowohl das „lange 19. Jahrhundert“ als auch das „kurze 20. Jahrhundert“, maßgeblich prägte, brachte ihn zu der Erkenntnis, der Nationalismus erfordere „viel Glauben an etwas, das offensichtlich in dieser Form nicht existiert“ – eine Tatsache, weshalb „kein ernsthafter Historiker, der über Nationen und Nationalismus arbeitet, ein überzeugter politischer Nationalist sein“ könne. Bis heute ist Hobsbawms Auffassung vieler nationaler Rituale und Symbole als „Invented Traditions“, erfundene Traditionen , ein anerkanntes Forschungskonzept.

Eric Hobsbawm wusste zu provozieren. Ich bin mir sicher, er war sich der Problematik seiner Einstellung und vieler seiner Handlungen und Aussagen sehr bewusst. Weshalb hat er die Kommunistische Partei Großbritanniens nicht verlassen, als die Sowjetunion 1956 in Ungarn einmarschierte – oder 1968 in Prag? Wie kann ein Mann seines Formats, die Frage, ob all die Opfer Stalins gerechtfertigt gewesen wären, hätte dies zu einer besseren Gesellschaftsform geführt, mit „ja“ beantworten, ohne die Absurdität dieser Frage offenzulegen? Stalin war der Diktator eines totalitären Regimes, nicht der Prophet sozialer Gleichheit und Solidarität.

Der Literaturwissenschaftler Martin Lüdke sagte einmal, Hobsbawm halte sich „mehr an die Marx’schen Absichten als an die Marx’schen Ansichten“ und ich denke, damit hat er die Motivation dieses „unkonventionellen Marxisten“, wie er ihn nannte, gut eingefangen. Hobsbawm erklärte seine Mitgliedschaft in der KP, bis sie sich Anfang der 90er auflöste, damit, nicht als Antikommunist enden zu wollen. Eine Aussage, die für mich auf die mehr emotionale Verbundenheit zur Idee verweist, als die politische Überzeugung von der Parteilinie. Auch die marxistische Methodik des historischen Materialismus wendet er nur insofern an, als das er das Zeitgeschehen stets auf ökonomische Prozesse zurückführt und erklärt, in welcher Situation sich Arbeiter und ihre Arbeitsverhältnisse befanden, bevor er sich an eine Interpretation der Geschichte wagt. Selbstverständlich spricht aus jedem Buch Eric Hobsbawms die Moral. Der Verweis auf die Ausbeutung einer unterdrückten durch eine unterdrückende Klasse zieht sich wie ein, im wahrsten Sinne des Wortes, roter Faden durch sein gesamtes Werk. Aber haben wir nicht mittlerweile gelernt, mit anderen Meinungen umzugehen und auch die Wissenschaft vom unmöglich erfüllbaren Anspruch der Neutralität zu befreien?

Mit Eric Hobsbawm stirbt ein kritischer Marxist und ein exzellenter Historiker. Vor allem jedoch, und das ist das Wichtigste, ein Mensch, der sein Leben lang authentisch blieb; der die Höhen und Tiefen des „Kurzen 20. Jahrhunderts“, wie er es nannte, als Zeitzeuge erlebte und als Historiker verarbeitete; ein Vorbild mit Schwächen, dessen Verlust mich sehr trifft.

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2 Antworten zu “Nachruf: Eric Hobsbawm

  1. ja, zu dem hobsbawm-text nochmal: mir hat gefallen, dass du über die
    unterscheidung in persönliche und fachliche vorbilder eingestiegen bist.
    ein passender aufmacher für einen nachruf. irritierend fand ich, dass du
    bei den persönlichen vorbildern als erstes auf das aussehen zu sprechen kommst. „die sehen so aus, wie man gerne aussehen möchte“.
    lässt sich daraus etwas über jenny lernen?!? und wenn ja, was?? ich lasse es offen. *höhö*
    an zwei stellen in deinen ersten beiden absätzen, machst du dich, nach
    meinem eindruck, „kleiner“ als du das vermutlich nötig hättest. es ist
    im ersten absatz „die man selbst hat und vertritt – aber noch nicht so
    gut“ und im zweiten absatz „wie man selbst – nur viel besser, viel
    gefestigter“. warum lässt du es so unscharf?? „gut“, „besser“. was ist gut? was ist besser? ganz passend hätte ich z.b. „differenzierter“, detailreicher“, „tiefgehender“, „erfahrener“ gefunden.
    sehr löblich finde ich aber im übrigen den analogen aufbau der ersten
    beiden absätze. so was lese ich persönlich gerne. hat was von musik, wo
    innerhalb eines stückes gleiche themen gespielt werden, aber in
    unterschiedlichen variationen. man erkennt etwas wieder und doch ist es
    etwas verschieden von dem vorher gehenden – und macht damit den reiz des neuen aus, obwohl es einem gleichzeitig schon vertraut zu sein scheint.
    sehr schön fand ich z.b. auch die wendung des sprichtwörtlichen „roten fadens“. da hast du einen sich durchziehenden inhaltlichen aspekt seines werkes (die unterdrückung der einen durch die anderen) sehr geschickt mit diesem passenden sprachbild zusammengefasst.
    [ich muss übrigens grad mal dazu sagen, dass ich E.H. bis dahin gar
    nicht kannte – ich kann mich also v.a. auch nur auf sprachlich-stilistischer ebene dazu äußern]
    ach ja, eines noch: im vierten absatz gibst du kurz die biografie wieder
    und schlussfolgerst aus den berufen der eltern, dass ihm die „skepsis
    gegenüber nationen“ in die wiege gelegt wurde. mir wurde nicht ganz
    plausibel, wie die umstände „englischer kolonialbeamter“,
    „österreichische kaufmannstochter“ und „geburt in alexandria“ die
    skepsis gegenüber nation/nationalität begünstigen konnten?!?
    irgendwie spüre ich, wie du das meinst und du schreibst ja auch, dass du
    ihn als „kosmopolit“ verstehst. aber ist man per se skeptisch gegenüber
    nationalität, bloß weil man bunt-kulturell sozialisiert wird?? ich weiß
    es nicht. wäre aber mit der schlussfolgerung vorsichtig. aber
    vielleicht stinkt das auch zu sehr nach korinthenkacken. *hehe*
    entscheide selbst.
    NEVERMIND!!
    ansonsten: ein insgesamt lesenswerter text!! flüssig zu lesen,
    informativ, klug geschrieben. erinnert mich an die intelligente und
    kritische art die ich an dir kennen lernen durfte und die mir SEHR SEHR
    SEHR GUT gefällt!!

    • Vielen Dank für den doch sehr persönlichen und herzlichen Kommentar. Dein Lob und die stilistische Kritik nehme ich auch sehr gern an – zur inhaltlichen dafür Stellung:

      Sehr interessant finde ich den Punkt, den du in deinem Kommentar etwas weniger prominent mit „achja, eins noch“ einleitest, und zwar die Frage, ob dich der Umstand, „bunt-kulturell sozialisiert“ zu sein auch direkt zu einem Skeptiker gegenüber Nationen macht. Meine Versuchung ist groß, zu sagen: Ja! Tut es! -Tut es selbstverständlich nicht. Und „per se“ schon gar nicht. Wenn ich aber davon ausgehe, dass Nationen auf Identifikation beruhen und durch diese funktionieren, also durch eine gemeinsame Sprache, dieselbe Geschichte, Verfassung oder Kultur (welcher Deutsche kennt nicht den Eingangs-Jingle der Tagesschau, hat sich aufgeregt, weil der Bus 2 Minuten zu spät oder zu früh kommt oder der Wetterbericht wieder nicht stimmt), dann bricht dieses Konzept doch in diesem Moment auf, in dem sich Mitglieder einer Nation auch einer anderen zugehörig fühlen oder ihre ursprüngliche Nationalität, sollte es diese überhaupt geben, wechseln wollen. Die Skepsis gegenüber einer Nation liegt meiner Ansicht nach in der Tatsache begründet, dass durch Identifikationsmechanismen auch immer Ein- und Ausschlusskriterien geschaffen werden. Hinzu kommt, dass Nationen meistens auch eigene Volkswirtschaften bilden, die von Nationalstaaten repräsentiert, organisiert und unter anderem dadurch von anderen Nationen abgegrenzt werden. Hast du deine Steuererklärung schon gemacht? Die Franzosen haben für das Wort, das jedem Deutschen schon beim Lesen ein schlechtes Gewissen bereitet, noch nicht mal einen Wikipedia-Artikel.
      Es ist vielleicht eine gewagte These, zu sagen, Identifikation mit der eigenen Nation mindert die Offenheit für andere Nationen, während ihre Organisation das Vermischen mit anderen erschwert. Aber eine Diskussion ist sie allemal wert. Vollkommen überzeugt bin ich hingegen von der Annahme, dass es dir die Vermischung unterschiedlicher kultureller Werte von Kindheitsbeinen an nahezu unmöglich macht, dich mit nur einer Nation zu identifizieren und physische Begrenzungen auch als Grenzen deiner Heimat anzuerkennen. Noch intensiver dürfte dieser Eindruck sein, wenn das Verweilen an einem Ort zur Besonderheit wird – Hobsbawm war schließlich erst mit 30 Jahren so lange in England, wie in Österreich und Deutschland zusammen.

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