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Aus Berlin. Ostberlin

IMG-20141109-WA0001Von oben wird es aussehen, als wenn die Grenze auseinanderschwimmt. Und sich auflöst. Weiß erleuchtete Ballons entlang der Mauer, die heute Abend losgelassen werden. Heute ist der Höhepunkt der kollektiven Erinnerungszeit an den Fall der Mauer. Was mich wundert ist das Gefühl, an diesem Tag in der falschen Stadt zu sein. Nicht in Berlin. Wäre ich dort, würde ich wohl heute Abend nicht zum Brandenburger Tor gehen. Vielleicht hätte ich mir nicht einmal die Mauer-Luftballons angesehen. Nun sitze ich hier in meiner Kölner Küche und wünschte mir, ich könnte mich bei meiner Oma unterhaken und diesen Streifen in Berlin entlangspazieren. Weshalb geht das nicht?

Grenze im Kopf
Grund Nummer eins – der Offensichtliche. Ich arbeite in Köln, kann in diesen Tagen nicht in Berlin sein. Das wirkt auf den ersten Blick banal, ist aber ein Schlüsselfaktor. Seit meiner ersten Auslandsreise, habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, erst dann mit meiner Identität als Ostberlinerin konfrontiert zu werden, wenn ich nicht in Ostberlin bin. Weil ich gefragt werde, aus welchem Teil der Stadt ich komme. Wie ich den Mauerfall erlebt habe. Wie ich die DDR fand. Was ich nie beantworten konnte. Ich war vier. Mit den Jahren beginne ich zu verstehen, dass das, was ich als Kleinkind wahrgenommen habe, auch nicht das Entscheidende ist. Wichtiger ist, wie über die Zeit geredet wurde. Auch noch viele Jahre danach. Die Erinnerung an Familiengespräche. Die Ost-West-Witze, die eine kleine Jenny in der Schule nachplappert und strafende Blicke von Lehrern bekommt. Familiengespräche über Wessis, die „rüberkommen“ und sich die „Rosinen rauspicken“. Die Ernüchterung über die Unsicherheiten des Westens, „dense alle wollten. Und nu?“ „Immer weniger haste inne Tasche.“ Hundertmal gehört. Und nun? Erst als ich begonnen habe, politisch und historisch zu denken, konnte ich anfangen, meine Erinnerungen einzuordnen. Sie besser zu verstehen. Paradoxerweise führt erst der Abstand, der räumliche und zeitliche, dazu, dass sich dieser Teil meines Lebens zu einem immer deutlicheren Bestandteil meiner Identität entwickelt.

Zeitzeuge Familie
Grund Nummer zwei – der Unlösbare. Konflikt. Sich an Familiengespräche zu erinnern und von ihnen Abstand nehmen zu müssen.. überhaupt erst Jahre später zu verstehen, worum es darin ging, ging nicht spurlos an mir vorüber. Es verändert die Beziehung, die ich zu den vertrautesten Menschen in meinem Leben habe. Innerhalb der eigenen Familie bestehen auf einmal Be- und Empfindlichkeiten. Menschen sind mit dem Gedanken konfrontiert, dass die Zeit der eigenen Jugend und Erinnerung an die schönsten Jahre unter der Überschrift „SED-Diktatur“ in den Schulbüchern stehen. „Auf einmal“ mag nach 25 Jahren zynisch klingen. Aber wie bereit ist jeder von uns, sein Leben nach einem schicksalsgeladenen Tag, wie dem 9. November umzudeuten?
Als Kind haben mich meine Großeltern mit nach Tunesien genommen, nach Kreta, Mallorka, Ägypten. Ich habe oft gesagt, dass ich es schlimm gefunden hätte, wenn mir das jemand verbietet. Man kann doch Menschen nicht in einem Land einsperren. „Wir kannten es nicht anders“, war die Antwort. Nun kennen wir es anders. Nun haben wir den großen Vorteil der Rückschau. Und meine Generation stellt Fragen, an die eigene Familie. Die sind alles andere als angenehm.

Unrechtsstaat oder was
In diesen Tagen katalysiert die Unrechtsstaats-Debatte die Stimmung und die Tragweite der Erinnerung an die Deutsche Einheit. Mein Eindruck ist, dass sie Gräben vertieft, anstatt das Verständnis füreinander zu fördern. Dass die Instrumenalisierbarkeit, die Möglichkeit, mit Geschichte Politik zu machen, hierbei das Entscheidende ist. Würden die Fronten dieser Debatte nicht entlang von Parteigrenzen laufen, stünde hier nicht eine ideologische Stellvertreterdebatte dahinter – ich denke, die DDR würde um einiges unverkrampfter von den Allermeisten als das gesehen werden, was sie war: ein Staat, in dem das Unrecht System hatte und die man deshalb auch Unrechtsstaat nennen kann.
Ich würde mich gern bei meiner Oma unterhaken, durch Berlin spazieren und fragen. Offene Fragen, um offene Antworten zu bekommen. Die Frage nach dem „Unrechtsstaat-DDR“ wird mir keine offenen Antworten liefern, sondern Trotz und Abwehr.