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Journalismus und die große Freiheit: Ein Rückblick auf das Reeperbahn Festival

Konferenzraum Tanzende Türme: 20. Stock

Hamburg vor drei Wochen. Tanzende Türme, siebter Stock. Es ist 19 Uhr. 12 Autoren haben 12 Stunden, um eine Geschichte zu schreiben. Bei der WriteNight gibt es zwei Regeln: 7 Uhr fertig sein und eine paar Gegenstände einbauen: ein Telefon, eine Streichholzschachtel. Ein Gutschein für die Große Freiheit, rosa Handschellen, ein Flyer für den Molotov – Club. „Fiancée“ hat jemand draufgekritzelt – „Verlobte“. Ich bin gespannt, in welcher Geschichte die Dame auftauchen wird. Denn „Versprochenes“ passt überhaupt nicht zu dieser Veranstaltung.

Tobias Schwarz und ich sind für die Netzpiloten auf dem Hamburger Reeperbahn Festival und bereiten einen Podcast vor (erscheint in Kürze!). Das Reeperbahn Festival ist eigentlich ein Musikfestival. Aber weil sich die Musikbranche wieder in den Wechseljahren befindet, so ähnlich wie die Kreativszene und diverse Presseverlage, gibt es neben dem Musikprogramm auch einen Gesprächskreis. Es wird in diesen Tagen also nicht nur Musik gemacht, sondern auch über Probleme gesprochen: vor allem geht es dabei um Geld. Genauer, um Geld und Zukunft. Was werden das für Menschen sein, die in Zukunft von Kunst und Internet leben können, fragen wir uns. Kreative Köpfe oder innovativen Denker? Wie viel Experimentieren ist möglich, wie viel Umdenken nötig?

WriteNight: Tanzende Türme, 7. Stock

Während es sich die Autoren in ihrer Suite über dem Hamburger Rotlichtmilieu bequem machen und mit dem Experimentieren beginnen, lasse ich die letzten beiden Tage auf mich wirken. Von allen Speakern der Konferenz blieb mir eine besonders in Erinnerung. Anette Novak. Die ehemalige Chefredakteurin der schwedischen Tageszeitung Norran war in ihrer Rolle als Chefin des Interactive Institute Swedish ICT auf dem Reeperbahn Festival. Sie schien mir die mutigste aller Innovatorinnen. Sie begann ihren Vortrag mit einem Film. Ein Kleinkind wischt auf einer Zeitung herum und wird nervös. Offenbar im Glauben, mit ihrem Finger stimme irgendwas nicht, beginnt es wahllos auf den Gegenständen um sich herum zu tippen. Als sie ein Tablet erhält und ihre Bewegungen darauf wieder Resonanz zeigen, wirkt es wieder sichtlich entspannt. Es bringe nichts, das ist Anette Novaks Botschaft, alte Modelle zu bewahren, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, auf neue Bedürfnisse zu antworten.

Heute, wo jeder Mensch mit einem Smartphone Informationen in Bild und Ton verbreiten kann und dies auch tut, verlieren Journalisten einen Großteil ihrer Alleinstellungsmerkmale. Interaktion findet bereits statt. Informationen fließen besser den je. Dem Journalismus geht es von Tag zu Tag besser. Die Frage, die sich Journalisten stellen sollten, ist nicht, wie sie den Journalismus retten können, sondern wie sie seine Möglichkeiten wahrnehmen können. Journalisten könnten ihre Aufgabe darin finden, Informationen zu kuratieren, sagt Anette Novak. Sie sollten ihre Aufgabe darin finden, Interaktion zu befördern. Es gehe nicht darum, über Integration zu schreiben – es gehe darum, sie zu betreiben. Zeitungen und Radio, Fernsehen und Online-Portale werden zu Medien gesellschaftlicher Teilhabe. Es werden Produkte, deren Inhalte vom Publikum mitgestaltet und von Journalisten im aktiven Austausch zusammengestellt werden.

Mit ihrer Haltung hat sich Anette Novak nicht nur Freunde gemacht. Spätestens als sie neben den Norran-Artikeln ein Chat-Fenster einfügen ließ, in dem die Verfasser Leser-Kommentare beantworten sollten, stand die „Das-jetzt-auch-noch?!“-Frage im Raum. Unabhängig davon, ob Anette Novak mit ihren Ambitionen über das Ziel hinaus schießt oder nicht – die Richtung scheint zu stimmen. Das zeigen nicht nur journalistische Experimente, wie das des Rechercheteams Lisa Altmeier und Steffi Fetz, die auf ihrer Plattform crowdspondent innerhalb weniger Wochen eine stabile Online-Community aufbauten. Auch bei Céline Lazorthes Gruppenbezahldienst leetchi.com funktioniert alles über soziale Netzwerke – ein Faktor den Paypal und diverse Großbanken ihrer Ansicht nach längst hätten mitdenken sollen.

Wie die WriteNight in den Tanzenden Türmen ausgegangen ist, lese ich am nächsten Tag. Gewonnen hat eine Geschichte über einen gehetzten Autor, der an seine Frau schreibt. Hört er einmal auf zu tippen, stirbt nicht nur er, sondern auch seine Frau. Die Bedrohung kommt von einer mysteriösen Person, dem „reader“. Ob die Analogie zur Kreativszene Absicht war?