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Traurig über den Tod von Marcel Reich-Ranicki

Da sich in diesen Minuten wohl das gesamte Internet und morgen die Titelblätter mit Nachrufen für den Literaturpapst füllen werden, leiste ich hier nur einen bescheidenen Beitrag: Mit einer Erinnerung an den Herbst 2007. Ich studierte im 3. Semester Romanistik und Geschichte in Heidelberg, als Reich-Ranicki in der Alten Aula seinen Literatur-Kanon vorstellte. Ich tat meine ersten journalistischen Gehversuche als Redakteurin bei der Studierendenzeitung ruprecht und bin stolz, dass Marcel Reich-Ranicki ein Teil davon war. Hier mein Artikel vom 26.11.2007:

„Alle Lyriker schreiben schlechte Gedichte“

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki stellt seinen Literaturkanon vor

„Ich hätte mir als Jugendlicher einen Literaturkanon gewünscht, um nur die besten Gedichte zu lesen“, erklärt Reich- Ranicki am Freitag Abend in der Neuen Aula der Ruprecht-Karls-Universität. Sein nun vollendeter Lyrik- Kanon soll dem interessierten Leser einen Weg durch die deutsche Literatur weisen. Von Schiller über Goethe bis Brecht und Grass wurden Werke ausgewählt und in Romane, Dramen, Gedichte, Novellen und Essays geteilt.

Die Idee entstand aus einer Literaturliste, die Reich- Ranicki für den Spiegel zusammenstellte. Es war eine Auswahl, die sich als Schulliteratur eignen sollte. „Es ist schrecklich, was die Schüler in der Schule lesen müssen“, so der Literaturliebhaber, die geforderten Werke seien „viel zu lang, viel zu schwierig“. Nicht nur, dass man ihnen die Blechtrommel statt der Novelle Katz und Maus abverlange, man ließe auch die ganzen guten erotischen Gedichte weg. Warum solle man denn verhindern, dass man die Erfahrungen des Lebens auch in der Literatur wiederentdeckt?

Die Essays für den Literaturkanon waren schnell gefunden. Die Auswahl der Dramen wurde mit einem Freund während einer Autofahrt getroffen und auch bei vielen Novellen und Romanen fiel die Entscheidung leicht. Ein wirkliches Problem bereitete die Lyrik: „Hier musste ich etwas machen, das ich nie wollte“, verrät der Literaturliebhaber, „ich musste die gesamte deutsche Lyrik noch einmal lesen.“ Bei jedem Gedicht stellte sich die Frage, warum es aufgenommen werden sollte oder nicht. „Dazu gehört Mut“, so Reich-Ranicki: „Mut Gedichte wegzulassen“, da man manche verstaubten Werke in jeder Anthologie wiederfände. So zum Beispiel Schillers Glocke. Wegen ihres „schlechten Humors“ sollte sie nicht wieder Teil einer Auswahl werden. Die Räuber, die Kraniche, aber nicht die Glocke.

Letztendlich musste sie doch hinein. Wie lange dieser Kanon aktuell bleiben wird ist ungewiss. Schließlich spiegelt er nur den Geschmack Reich-Ranickis wieder. Und er selbst las erst vor zwei Wochen dieses eine Gedicht von Eichendorff, das ja eigentlich auch noch hineingemusst hätte.

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